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Jüterbog vor 100 Jahren – Ein Rückblick auf das Jahr 1908

verfaßt Januar 2008

Fahrräder mußten Klingel haben

Das Jahr beginnt mit extremer Kälte. Im Januar werden minus 18 Grad gemessen. Das 1855 errichtete Jüterboger Krankenhaus des Johanniter-Ordens war mit seinen ursprünglich 10 Betten inzwischen zu klein geworden. 1904 ist daher ein Erweiterungsbau begonnen worden, der nun nach vier Jahren Bauzeit seinen Abschluß findet. Das 1737 von dem hervorragenden Orgelbauer Wagner in der Nikolaikirche errichtete Instrument ist nun nach fast 200 Jahren stark reparaturbedürftig. 1908 übernimmt der Orgelbaumeister Rühlmann die Erneuerung. Weniger als ein Jahrzehnt später ist seine Arbeit zum Teil wieder zunichte gemacht, da die großen Pfeifen im ersten Weltkrieg als Rohstoff für die Munitionsfertigung geopfert werden müssen.

Für das Jahr 1908 bezieht sich jedoch die Mehrzahl der uns überkommenen Nachrichten auf militärgeschichtliche Themen. Damit werden der Ausbau der Garnison und damit die Entwicklung Jüterbogs zur Militärstadt deutlich. Die Festungsbauschule Berlin-Charlottenburg errichtet bei Markendorf durch Pioniertruppen zwei bemerkenswerte Betonbauten, ein Infanterie- und ein Artilleriewerk, die später als das kleine und das große Fort eine gewisse Bekanntheit erlangen.

Schon seit dem Vorjahr kursieren 1908 bei der Bevölkerung besorgte Gerüchte, daß das Dorf Felgentreu der Erweiterung des Schießplatzes geopfert werden soll. Aber erst 30 Jahre später tritt tatsächlich der Fall ein, daß die Bauern für den erneut erweiterten Truppenübungsplatz Haus und Hof verlassen müssen. Auch bei der Königlichen Militäreisenbahn gibt es große Pläne. Die seit vier Jahren bestehende Städtebahnstrecke, die unter anderem Treuenbrietzen mit Brandenburg verbindet, weckt Interessen des Militärs, auch hier eine sogenannte Kanonenbahn einzurichten. Unter Bezugnahme auf die Coswiger Zeitung schrieb am 1. August 1908 darüber das Wittenberger Tageblatt, „soll die zu erbauende Militäreisenbahn, die die Verbindung zwischen den Truppenübungsplätzen Jüterbog – Altengrabow herstellen soll, vom alten Lager Jüterbog über Frohnsdorf – Niemegk – Wiesenburg nach Altengrabow führen. Wiesenburg würde danach einen zweiten Bahnhof erhalten und hier der Anschluß an die sogenannte Kanonenbahn erfolgen. Wie es scheint, wird Görzke auch von dieser Bahn nicht berührt werden, was zu bedauern ist, denn würde Görzke von dieser Bahn berührt, so wurde sich der Bau der für den Ort weniger günstigen Züge nach Ziesar erübrigen.“ Da das Militärprojekt schließlich nicht verwirklicht wurde, ist die beklagte zivile Bahn Görzke - Ziesar später doch noch gebaut worden.

Von den beiden Artillerie-Schießschulen, der Fuß- und der Feldartillerie, sind aus dem Jahre 1908 verschiedene Nachrichten überliefert. Generalleutnant Kettembeil, Kommandeur der Feldartillerie-Schießschule, erläßt am 4. März die Weisung, daß alle an die Schule kommandierten Offiziere ihre Burschen zu instruieren wonach das Reiten auf den Fußwegen und Bürgersteigen verboten ist. „Gegen diesen Befehl ist in letzter Zeit häufig, auch von seiten der Offiziere selbst, verstoßen worden.“ Am 13. Juni findet in Jüterbog 2 die Verabschiedung von zehn türkischen Offizieren statt, die einen Lehrgang an der Feldartillerie-Schießschule absolviert hatten. Und am 25. Juni befiehlt die Standortkommandantur Jüterbog: „Allen Unteroffizieren und Mannschaften der Garnison wird hierdurch streng verboten, den neben der Chaussee Jüterbog – Altes Lager gelegenen Fuß- und Radfahrweg,… ohne Klingel und nach eingetretener Dunkelheit ohne Laterne mit dem Fahrrade zu befahren.“