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Die Verlogenheit unserer Sprache

17. Oktober 2002: Leserbrief zu den Berichten der MAZ

Es betrifft die Zeitungsartikel:

  • "Vandalen auf Fahrrädern", MAZ  Teltow-Fläming 9.7.02, S. 16
  • "Vandalismus: Eisenbahn stellt Betrieb ein." MAZ 30/31.10.02, S. 5
  • "Bürgermeister beklagt Vandalismus", MAZ Jüterboger-Echo 30./31.10.02, S. 15
  • Und schließlich den in MAZ vom 11.Febr. 2003, "Kein Hinweis auf Schul-Vandalen"

Es sollen Wandalen in Kirchmöser gewütet haben. Das ist schon verwunderlich, weil das Volk der Wandalen bereits seit 1 500 Jahren von der Weltbühne verschwunden ist. Und außerdem ist die Spezies der "Schul-Vandalen" den Völkerkundlern völlig unbekannt.

Es wäre es heute ein Unding von "polnischer Wirtschaft" oder "jüdischer Raffgier" zu reden, da damit der Straftatbestand der Volksverhetzung und der Aufstachelung zum Rassenhass begangen würde. Doch die Wandalen, als Namensgeber des Vandalismus, dürfen seit einiger Zeit pauschal für alle möglichen Straftaten herhalten. Es gilt als politisch unkorrekt, pauschal von "Zigeunern" zu reden. Sinti oder Roma muß es heißen, um die beiden größten Stämme dieses Volkes exakt zu bezeichnen. Genauso hätte das Volk der Wandalen, so sie noch eine Lobby besäßen, Anspruch darauf, konkret nachzufragen, ob jeweils der Stamm der Asdingen oder der der Silingen gemeint ist.

Die Wandalen waren ursprünglich dort zu Hause, wo heute Polen liegt. Seit 171 u. Z. waren sie in den Karpaten und an der oberen Theiß nachweisbar. Im Zuge der Völkerwanderung zogen sie nach Westen und drangen 409 in Spanien ein, wo sie teilweise von den Westgoten aufgerieben wurden. Ihr bereits christlicher König Geiserich führte die verbliebenen Wandalen über das Mittelmeer nach Nordafrika. Hier gründeten sie ein eigenes Reich mit Karthago als Hauptstadt. Doch lange währte ihre Herrschaft nicht, schon 533 unterlagen sie dem oströmischen Kaiser Justinian, der das Wandalen-Reich für immer zerstörte.

Zum Buhmann der Geschichte wurden die Wandalen erst 1794 durch den Bischof von Blois, Gregoire, gemacht. Er prägte das Schlagwort des "Wandalismus" für Zerstörungswut, speziell gegen Kunstwerke, "nach der längst widerlegten Fabel von den Verwüstungen bei der Einnahme Roms 455 durch die Wandalen" (Brockhaus).

Worin liegt nun die Ursache für die Renaissance der Rede vom "Vandalismus"? Es ist Teil der wachsenden Verlogenheit unserer Sprache, mit der  Ursachen und Zusammenhänge vorsätzlich verschleiert werden sollen. Wer sind den die vermeintlichen Wandalen? Es sind unsere Kinder und Jugendlichen! Der völlige Verlust von gesellschaftlichen Werten, gepaart mit der Idealisierung des Egoismus ("Selbstverwirklichung"), dazu der  allgemeine Niedergang des Bildungswesens (Drogenhandel als Leitbild im Lehrplan) und die berufliche Perspektivlosigkeit führen zu zunehmender Kriminalisierung.

Es wäre doch weitaus ehrlicher, nicht die Wandalen zu beschuldigen, sondern die Kinder dieser dekadenten Gesellschaft im wahrsten Sinne des Wortes beim Namen zu nennen.

N.B. Die Jüterboger Lokalredaktion schreibt nach einem ähnlich lautenden Leserbrief bei solchen Vorkommnissen nicht mehr von "Vandalen", sondern von "Halbstarken", was der Sache durchaus näher kommt.