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Bildungsdefizite bei Journalisten

1993, Leserpost wegen einer Bildreportage in der MAZ vom 21. Juli 1993, Ausgabe Jüterbog

Die Zeitung zeigte in ihrer Lokalausgabe ein Foto von einer Spruchtafel, die jemand an sein Haus geheftet hatte, mit folgender Unterschrift: "Früher hingen überall Parolen zur Planerfüllung herum. Heute zieht in Kaltenborn eine Tafel die Blicke an. Darauf steht: Und Handeln sollst Du so, als hinge von Dir und Deinem Tun allein das Schicksal ab der deutschen Dinge und die Verantwortung wäre Dein. Was soll man davon halten? Vielleicht kann ein Psychologe Deutungsmuster geben. Mehr Witz wäre den Schöpfern allemal zu empfehlen."

Darauf hin sah ich mich veranlaßt, folgenden Brief an die Zeitung zu schicken, der auch veröffentlicht worden ist:

"Hättest Du geschwiegen, wärst Du ein Philosoph geblieben", lautet ein antikes Sprichwort. Das gilt auch für die Bildunterschrift zu der Spruchtafel von Kaltenborn. Das Gedicht lautet komplett:

"Du sollst an Deutschlands Zukunft glauben,

an Deines Volkes Auferstehen,

Laß diesen Glauben Dir nicht rauben,

trotz allem, allem, was gescheh'n,

und handeln sollst Du so,

als hinge von Dir und Deinem Tun

allein das Schicksal ab der deutschen Dinge

und die Verantwortung wär' Dein."

Es ist von keinem Geringeren als dem Philosophen Johann Gottlieb Fichte (1762 - 1814). Sein Ziel war die geistige Erneuerung durch die allgemeine Nationalerziehung. Das predigte er in einer Krisensituation der Nation, die der heutigen vergleichbar ist. Wenn auch seine Sitten- und Rechtslehre nun nicht mehr "in" ist, Fichte deshalb gleich zum Psychologen schicken zu wollen, das charakterisiert nicht nur das Bildungsniveau des Journalisten, sondern auch den Zeitgeist.