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Antwort auf einen Leserbrief „Denkmal war umstritten“ vom 16. März 2006

25. März 2006 Leserzuschrift an das Jüterboger Echo, Lokalredaktion der MAZ

Nicht nur das Denkmal auf dem Jüterboger Nikolaikirchhof war umstritten, das gilt auch für den Umgang mit ihm. Ich halte es für eine Anmaßung, einem alten Denkstein eine neue Botschaft einzumeißeln, nur um dem Zeitgeist zu huldigen. Denn die, die ihn aufstellten und bezahlten, wollten etwas anderes. Dazu kommt, daß der Stein nach meinem Wissen nie der Kirchengemeinde gehört hat, sondern ihr nur treuhänderisch überlassen worden war.

Vergegenwärtigen wir uns die Geschichte. Der Erste Weltkrieg war vorüber. Unter den Millionen von Toten waren auch zahlreiche Jüterboger. Doch das nicht allein. Statt eines gerechten Friedens fiel nun Deutschland unter die Räuber. Unzählige verloren ihre angestammte Heimat. Vertriebene aus Posen und Oberschlesien hausten in den Fuchsbergkasernen und im Luftschiffhafen Niedergörsdorf, Elsaß-Lothringer bezogen Baracken in Markendorf. Den Unterlegenen war totale Abrüstung verordnet, während die anderen eifrig weiterrüsteten. Die Siegermächte nutzten ihre Macht aus, um maximale Beute zu machen. Die utopische Summe von zunächst 223 Milliarden Goldmark ist Deutschland als Schuld auferlegt worden. Die Folge war der totale Verfall der Inlandswährung, eine galoppierende Inflation. Der damalige Reichskanzler Scheidemann hatte im Mai 1919 unter dem Beifall der Abgeordneten der Nationalversammlung erklärt: „Dieser Vertrag ist unannehmbar… wir … sollen die Sklavenschichten für das internationale Kapital schieben, Frondienste für die ganze Welt leisten.“ Der Fleischkonsum der Bevölkerung lag 1922 bei der halben Menge von 1912, der Brotverbrauch war um mehr als ein Viertel gesunken. Die Folge waren Massenerkrankungen an Tuberkulose, Rachitis, Skorbut und Hungerödeme. Der britische Kommandeur der Besatzungstruppen, General Plumer, schrieb an seine Regierung: „Unsere Truppen können den Anblick der verhungernden Kinder nicht mehr ertragen…“

Um die maßlosen Forderungen durchzusetzen und die deutschen Kohlevorkommen exzessiv auszubeuten, besetzten im Januar 1923 60.000 französische und belgische Soldaten das Ruhrgebiet. Und zu gleicher Zeit veranlaßte eine Jüterboger Bürgerinitiative den Bau eines Denkmals zum Gedächtnis an ihre Kriegstoten. Unter diesen Umständen ist die Wahl der Inschrift zu verstehen, die heute manchen nicht mehr ins schwarz-weiße Geschichtsbild paßt. Doch mit dem Auslöschen der Erinnerung kann man Geschehenes nicht ungeschehen machen.

Es ist falsch, wenn G. A. in seiner Leserpost behauptet, daß die Stadt den Bau des Denkmals nicht unterstützt hätte. Die Stadtverordnetenversammlung hatte sogar eine Kreditaufnahme in Höhe von 30 Milliarden (Inflations-)Mark zur Unterstützung des Denkmalbaus bewilligt. Die Gesamtkosten für das Denkmal beliefen sich auf 118.099.791.845,- Reichsmark. Die größten Spenden kamen von bekannten städtischen Geschäftleuten; an der Basis jeder Säule ist ein Name von ihnen vermerkt.

Es ist richtig, daß der Magistrat der Stadt sich am 26.10.1923 nicht bereit erklärte, das Denkmal „in Schirm und Obhut“ zu nehmen. Niemand wußte recht, wo der politische Weg hingehen wird bei den ständigen Aufständen und Putschversuchen von links und rechts gegen die junge Republik. Ein sicherer Fels war dagegen die evangelische Kirchengemeinde. Sie verkörperte damals die überwiegende Mehrheit der Einwohnerschaft und garantierte ihnen die Wahrung von Werten und Traditionen, die die Gesellschaft zusammenhielten. Bei einem feierlichen Gottesdienst am 28.10.1923 erteilte Oberpfarrer Garlipp dem neuen Denkmal die kirchliche Weihe und versprach „Obhut und Pflege“. Die Stifter konnten also guten Glaubens sein, das Werk in sichere Hände gegeben zu haben .

Und rund ein Menschenleben lang gab die Kirchengemeinde tatsächlich dem Stein die Sicherheit, die die Kommune nicht gewähren konnte oder wollte. Jetzt aber, wo die Gemeinde nur noch einen weit geringeren Teil der Bürger verkörpert, halten es ihre Repräsentanten und politischen Freunde für richtig, den Stein für ihre „message“ zu verwenden. Das Bürgerforum beantragte 1977 laut Presse, eine neue Inschrift anzubringen. Noch im Juni schrieb die MAZ dazu: „Die untere Denkmalbehörde lehnte allerdings ab.“ Doch bald darauf hat sich scheinbar auch die Denkmalbehörde dem Zeitgeist gebeugt. Wir sind damit nicht nur reicher um eine neue versteinerte Botschaft, sondern auch um ein Lehrstück in Sachen Moral.

(Der Brief wurde mit größeren Auslassungen in der Zeitung veröffentlicht.)