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Denkschrift an Medienvertreter zum Gebrauch der deutschen Sprache, speziell des Wortes "Panne"

vom 27. September 2012

Meine sehr geehrten Damen und Herren, von Herrn Orwell aus dem Jahre 1984 möchte ich Sie herzlich grüßen und Ihnen aus der Neusprechabteilung des Großen Bruders meine vorzügliche Hochachtung für besondere Sprachverwirrung ausdrücken.

Bei dem gegenwärtigen Geheimdienstskandal ist permanent von dem Wort „Panne“ die Rede. Laut Duden handelt es sich um französisches Seemannswort aus der Bismarckzeit, das einen Fahrzeugschaden ausdrückt, das heißt einen plötzlichen, ohne menschliches Zutun auftretenden Defekt. Der klassische Fall ist die Reifenpanne, bei der durch unvorhergesehene Umstände ein Rad die Luft verliert. Legt mir aber jemand vorsätzlich ein Nagelbrett auf die Straße, dann würde man in diesem Fall wohl nie von einer „Panne“ sprechen. Es wäre interessant zu klären, ob sämtliche Redaktionen von Presse, Funk und Fernsehen von einer staatlichen Lenkungsstelle („Neusprech“ - siehe oben) die Weisung bekamen, in diesem Fall das grundsätzlich falsche Wort verwenden zu müssen oder ist es einfach nur dummes nachplappern wider besserem Wissen.

Was ist passiert? Eine Verbrecherbande hat dem Vernehmen nach eine Reihe von Morden an unbescholtenen ausländischen Mitbürgern und an einer Polizistin verübt. Das konnte die Bande über ein Jahrzehnt unbehelligt von irgendwelchen staatlichen Organen tun und sich dabei auch noch den Unterhalt mit fortwährenden Bankrauben sichern. In einem durchorganisierten Staat wie Deutschland ein völlig undenkbarer Vorgang. Bei der durchschnittlich hohen Aufklärungsquote von schweren Verbrechen ist es ein Unding, daß man der Täter bis zum Schluß nicht habhaft werden konnte. Doch wenn man näher hinschaut – und da reichen intensives Zeitungslesen und ein gutes Gedächtnis –, dann stellt sich heraus, daß bei einer Reihe der Vorkommnisse Geheimdienstagenten in der Nähe des Tatortes, in mindestens einem Fall sogar unmittelbar zugegen waren. Die Polizei, die immer wieder dicht dran war, die Täter dingfest zu machen, wurde, wie jüngst zu hören, durch einen Staatsanwalt ausgebremst, bekam keine oder falsche Hinweise von den Nachrichtendiensten, obwohl die wiederum durch V-Leute wußten, wo die Verbrecher sich aufhalten. Daß die mutmaßlichen Täter selbst als V-Leute von Geheimdiensten arbeiteten wird immer wieder gemunkelt, einer jüngsten Nachricht zufolge gab es zumindest einen Anwerbungsversuch (MAD). Als irgendwas aus dem Ruder lief und die ganze Sache auffliegt, da werden sofort zuhauf Akten vernichtet oder wenigstens versteckt. Spätestens das Beiseiteschaffen von Beweismitteln ist mit Sicherheit keine „Panne“, das ist eindeutig Vorsatz. Das erklärt wohl auch, warum reihenweise Behördenchefs in den Ruhestand fliehen, um sich der Verantwortung zu entziehen. Und interessanterweise lassen die Leute von Politik und Medien, die zuvor lauthals von den Geheimdiensten das Herbeischaffen von belastenden Dingen gefordert haben, um damit eine unliebsame Partei verbieten zu können, die Macher oben genannter Vorkommnisse leise von dannen ziehen. Vielleicht waren diese Herrschaften nur etwas ungeschickt in ihrer Kreativität. Schließlich gehört es in der ganzen Welt zu den schmutzigen Aufgaben von Geheimdiensten, feindliche Akte erst zu initiieren, um sie dann bekämpfen zu können. Doch ist das eine Panne? Bestenfalls, daß das Volk davon erfahren hat, könnte man als Panne bezeichnen.

Die Märkische Allgemeine hat Ende September 2012 Auszüge aus dieser Denkschrift an die  Redaktion als Leserbrief veröffentlicht, was von mir kaum erwartet worden ist. Was aber noch viel weniger zu erwarten war, ist der Umstand, daß die Aktenvernichtungsaktion damit noch lange nicht abgeschlossen war. Scheinbar lag noch zu viel belastendes Material herum. Denn welcher Geheimdienst möchte öffentlich so vorgeführt werden, wie das MfS durch die sog. Gauck-Behörde. Dem will man offenbar gründlich vorbeugen, denn wie sonst sind folgende Pressenachrichten zu verstehen?

Am 7. Nov. 2012 informierte die MAZ auf S. 5, es gab wieder einmal eine „Panne“. Wieder einmal sind Beweismittel vernichtet worden. In diesem Fall in Berlin. „So schredderte der Landesverfassungsschutz am 29. Juni dieses Jahres ‚aufgrund eines Missverständnisses‘ mehrere Akten zum Thema Rechtsextremismus… Es gäbe aber keinerlei Anhaltspunkte, dass die vernichteten Unterlagen Erkenntnisse über die NSU-Terrorgruppe enthalten hätten“, hieß es abwiegelnd in der Zeitung und „die genaue Anzahl der vernichteten Akten ist unklar“.

In der Ausgabe vom 10./11. Nov. 2012 wurde die MAZ auf S. 6, dann erfreulicherweise etwas konkreter und teilt mit, in Berlin sind 57 Aktenordner über Rechtsextremisten, darunter Dossiers zur Neonazi-Band „Landser“, vernichtet worden. Die Zeitung vermutet diesbezüglich, „die vernichteten Dossiers könnten also auch Hinweise auf das NSU-Umfeld erhalten haben“. Das geschah natürlich wie immer nicht mit Vorsatz, sondern aus nur „Versehen“, also wieder eine der o.g. „Pannen“. Doch die detailliere Beschreibung des Vorgangs ist so abenteuerlich, daß hier nochmals wörtlich wiedergeben werden soll: „Demnach waren die Neonazi-Ordner für das Landesarchiv auf dem Rücken mit Filzstift extra markiert. Der Verfassungsschutz verstaute die Ordner aber in Kisten ohne Kennzeichnung. Dafür hat sich die Behörde ein eigentümliches Lagersystem ausgedacht: Links wurden Kisten verstaut, die ans Archiv gehen sollten, rechts stapelten sich Kisten für den Reißwolf. Es war dann der Referatsleiter persönlich, der im Sommer in den Lagerraum stieg, um die Akten zu entheften. Zwei Kollegen, die anfangs halfen, gab er frei – weil es so staubig war und sie Hustenanfälle bekommen hätten, wie Sonderermittler Feuerberg eruiert hat. Dann seien die Akten durcheinander geraten.“ - Honi soit qui mal y pense!

MAZ vom 14. Nov. 2012, S. 5, „Noch mehr Akten weg“: „Die Affäre um geschredderte Akten zum Rechtsextremismus weitet sich aus. Gestern wurde bekannt, daß beim Berliner Verfassungsschutz 2010 widerrechtlich Papier zur verbotenen ‚Blood & Honour‘-Organisation aus der rechtsextremen Musikszene in den Reißwolf wanderten.“