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Bezug: MAZ vom 15. April 2010, Leserbriefseite „Widerspruch zu Forschungsergebnissen“ sowie Beilage „Die Opfer wurden genau registriert“

Es gibt schon seltsame Zufälle. Während uns Prof. Müller vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt erklärt, daß es bei der Bombardierung Dresdens im Februar 1945 keine Belege gäbe, wonach anglo-amerikanische Jagdflugzeuge „gezielt Jagd auf Menschen machten“, berichtet uns eine Leserbriefschreiberin in der gleichen Ausgabe der Zeitung wie sie mit anderen Überlebenden des Bombardements „von Tieffliegern in mehreren Wellen beschossen“ worden ist. Diesen Widerspruch zwischen den von Wissenschaftlern im staatlichen Auftrag verkündeten Lehren und der objektiven Realität hat es wohl schon immer gegeben. Es waren hochgelehrte Wissenschaftler, die einst dem Volk erklärten, die Erde wäre eine Scheibe, um die sich die Sonne dreht. Es waren auch Wissenschaftler, die uns in der DDR vor nicht zu lange Zeit lehrten, wir leben in der „Epoche des weltweiten Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus“. Und nachher kam es anders herum. Es ist gerade ein Jahr her, als uns eine Professorin von der Berliner Universität in der MAZ erklärte: „Kriege im klassischen Sinne hat es seit 1945 nicht mehr gegeben.“ Wir, die wir zu solchen Ämtern nicht taugen, weil wir die Kleider des Kaisers nicht sehen, denken, es wären in Korea, Vietnam, auf den Golanhöhen, auf der Falklandinsel oder in Serbien richtige Kriege gewesen.

Es ist schon wunderbar , was sich damals 1945 in Dresden zutrug. Es ist das einzige Ereignis des 2. Weltkrieges bei dem mit zunehmendem Abstand die Zahl der Opfer immer kleiner wird. Theodor Plievier, dessen Buch „Des Kaisers Kulis“ einst von den Nazis verbrannt wurde, dessen Buch „Stalingrad“ als eines der besten Anti-Kriegsromane gilt, sollte wohl unverdächtig sein, rechtsradikalen Revisionismus zu betreiben. 1954, also kein Jahrzehnt nach dem Geschehen, schrieb er in dem Buch „Berlin“ über die Toten von Dresden im Verhältnis zu Stalingrad: „Hier war die Zahl der Opfer, die in zwei Nächten in den Schutt sanken, nicht kleiner, war größer. Dort waren es Soldaten - hier waren es Pensionäre, Arbeiter, Angestellte, alte Frauen, junge Frauen, Kinder und Flüchtlinge, und kein Anlaß war gegeben für einen nationalen Trauertag." Und niemand widersprach ihm damals. Ulrike Meinhof schrieb 1965 in der Zeitschrift „konkret“: „Über 200 000 Menschen sind in den Flammen von Dresden umgekommen.“ Die oben zitierte Leserbriefschreiberin, wußte noch von 45000 Toten. Doch von amtlichen Stellen, wie o. g. Professor, spricht man heute von maximal 25000, andere gar von nur 18000 Opfern. Man darf gespannt sein, wie sich die Zahlen in den nächsten Jahrzehnten entwickeln.

Bis auf den rot markierten Satz im ersten Absatz und das Wort "wunderbar" zum Beginn des zweiten Absatzes, das gegen "sonderbar" ausgetauscht wurde, ist der Text in der MAZ veröffentlicht worden. Und der Leserbrief brachte mir wie kaum ein anderer eine große Zahl von zustimmenden Anrufen ein. Mehrere Anrufer wußten aus eigenem Erleben von den Tieffliegerangriffen, die von dem Militärhistoriker geleugnet werden, zu berichten. Einer berichtet sogar, daß die Maschinen zum Beschuß der Menschen so tief flogen, daß die Gesichter der Piloten zu erkennen waren. Ein anderer schickte mir das Gedicht "Bericht eines Pfarrers über den Untergang seiner Gemeinde" von Peter Huchel, in dem es heißt: "Und wo sie im Tiefflug auf Fliehende schossen...", womit das Vorkommnis sogar in die Literatur eingegangen war. Es fällt auf, daß ebenso wie in der DDR-Zeit, als sich die Historiker bemühten, keinen Makel auf die "sowjetischen Befreier" kommen zu lassen, nun die Historiker der BRD schützend die Hand über die Westalliierten halten. Wer weiß wie lange es noch dauernd wird, bis man unbefangen einfach die objektive Realität darstellen wird.