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Ulrich Wille 1906 - 1987


Heimatgeschichtsschreiber und Poet

Heimatliebe in schwerer Zeit

Der durchaus bedeutende Heimatgeschichtsschreiber der 50er Jahre war weitgehend in Vergessenheit geraten, wohl  nicht zuletzt, weil er nach Westdeutschland verzogen war, was damals als „Verrat an der DDR“ galt. Erst der Kontakt mit seinem Sohn Hansjürgen Wille erbrachte 2010 die notwendigen Informationen, um Leben und Werk des Ulrich Wille an dieser Stelle beschreiben zu können.

Ulrich Wille wurde am 2. Februar 1906 in Küstrin geboren. Nach einer Banklehre in Berlin fand er Anstellung in der Reichswehr der Weimarer Republik. Zuerst diente er in dem elitären Infanterie Regiment Nr. 9 in Potsdam, „Graf Neun“ genannt, wegen der vielen adligen Offiziere. Als Heeresverwaltungsbeamter (Zahlmeisterlaufbahn) kam er zunächst nach Berlin-Spandau, wo er seine Frau, eine geborene Nymbach aus Jüterbog, kennen lernte. Wegen der Versetzung zur Heeresversuchsstelle Gottow zog die Familie Wille 1933 nach Kummersdorf-Gut. 1943 kam auch für Ulrich Wille der Fronteinsatz und zwar im Westen, wo er bei Kehl am Rhein 1945 in Gefangenschaft geriet. 1946 kehrte er wieder zurück nach Kummersdorf, mußte aber noch im gleichen Jahr die Wohnung verlassen, weil die Rote Armee den Standort belegte.

Von Ende 1946 bis 1958 wohnte Ulrich Wille mit seiner Frau und den drei Kindern bei seine Schwiegereltern in der Vorstadt Neumarkt in Jüterbog. Aufgrund seiner kaufmännischen Ausbildung fand er der Reihe nach Anstellungen bei der Jüterboger Kohlehandlung von Karl De Moy, bei der Brauerei Reifegerste und schließlich in einer Samenhandlung Platz & Sohn in der Mönchenstraße. Das war auch die Zeit, in der er sich tiefgründig mit der Jüterboger Geschichte befaßte. Aufsätze aus der Zeit, die Jüterbog und Umgebung betreffen und zumeist in der Märkischen Volksstimme veröffentlicht wurden, sind:

  • "Jüterbog – Ein politischer Konferenzort." (12.12.1954)
  • "Vergessene Denkmäler in Jüterbog" (14.1.1955)
  • "Alte Jüterboger Straßennamen" (23.1.1955)
  • "Leberecht Hauschteck – Ein Leben für den Kreis Jüterbog" (30.1.1955)
  • "Theodor Fontane und der Fläming" (6.2.1955)
  • "Heinrich Stephan in Jüterbog" (27.2.1955)
  • "Jüterboger wirkten als Wissenschaftler" (2.3.1955)
  • "Jüterboger Straßenbeleuchtung im Wandel der Zeiten" (20.3.1955)
  • "Von den Anfängen des Films" (23.3.55)
  • "Jüterboger bringen die Stadtmauer zum Einsturz" (27.3.55)
  • "Die Treuenbrietzener Stadtordnung von 1525" (17.4.1955)
  • "Jüterboger Badesorgen um die Jahrhundertwende" (20.4.55)
  • "Jüterbog als Filmkulisse" (23.4.1955)
  • "Der Treuenbrietzener ‚Deichselpfennig’" (26.4.1955)
  • "Ist das Jüterboger Stadtwappen richtig?" (28.4.1955)
  • "Jüterboger Zeitungsanzeigen vor 80 Jahren" (Ein Rückblick auf 1875) (1.5.1955)
  • "Dichter des Flämings" (15.5.1955)
  • "Stadtverordnete sagen ‚Nein’" (26.5.1955)
  • "Jüterboger Kommunalpolitik vor 120 Jahren" (12.6.55)
  • "Bericht über eine Tagung von Heimatforschern in Jüterbog" (26.6.55)
  • "Torfgewinnung in Jüterbog" (10.7.1955)
  • "Die Jüterboger VISE" (17.7.1955)
  • "Jüterbog und Friedrich List" (24.7.1955)
  • "Aus der Geschichte Gräfendorfs" (28.8.1955)
  • "Die Sage von den Nikolaikirchtürmen in Jüterbog" (Sept. 1955)
  • "Stadtmauer und schlafende Nachtwächter" (25.9.1955)
  • "Hundert Jahre Johanniterkrankenhaus in Jüterbog" (1.10.1955)
  • "Die Jüterboger Stadtverfassung von 1659" (16.10.1955)
  • "Aus der Geschichte des Hüttenwerkes Gottow" (Okt. 1955)
  • "Michael Kohlhaas und Jüterbog" (30.10.1955)
  • "Der Jüterboger Fenstersturz von 1642" (13.11.1955)
  • "Zum 190. Geburtstag des Treuenbrietzener Komponisten Heinrich Himmel" (20.11.1955)
  • "Die Keule am Tor" (4.12.1955)
  • "Ein Jüterboger Kaufvertrag von 1841" (20.12.1955)
  • "Aus der alten ‚Dorf-Feuer-Ordnung’ Kaltenhausens" (8.1.1956)
  • "O, Frevel, Frevel" (Weinbau in Jüterbog" (17.1.1956)
  • "Amüsantes über einen Poeten" (Zum 175. Geburtstag Achim von Arnims) (26.1.1956)
  • "Ratsherren ohne Herz" (19.2.1956)
  • "Das Heldenmädchen von Dennewitz" (26.2.1956)
  • "Der Rautenkranz im Wappen" (15.4.1956)
  • "Die Bedeutung der Denkmalpflege unter besonderer Berücksichtigung des Denkmalsschutzes im Kreies Jüterbog" (Mai 1956)
  • "Streit um Roßäpfel am Zinnaer Tor" (3.6.1956)
  • "Der alte Münchow" (Ein Jüterboger Original) (Juli 1956)
  • "Die Entführung des Stadtschreibers Wächtler" (29.7.1956)
  • "In Jüterbog begann der Siebenjährige Krieg" (26.8.1956)
  • "Gneisenau in Treuenbrietzen" (23.9.1956)
  • "Sieben Jahre Jüterboger Heimatfestspiele" (3.10.1956)
  • "Der Fläming feiert Fastnacht" (10.1.1957)
  • "Alt-Jüterboger Rechtsbeziehungen zu Alt-Berlin" (Januar 1957)
  • "Jüterbog – Stadt der Tore und Türme" (27.4.1957)
  • "Die ‚Süße Ecke’ in Jüterbog" (Mai 1957)
  • "Die 950-Jahrfeier Jüterbogs" (4.7.1957)
  • "Konzertbesucher so und so - eine kritische Betrachtung" (25.3.58)

Einiges weist darauf hin, daß er 1957 aktiv an der Gestaltung der 950-Jahr-Feier der Ersterwähnung der Stadt Jüterbog mitgewirkt hat. Ohne seinen Namen zu erwähnen bzw. seine Arbeiten ausdrücklich als Quelle anzugeben, wurde von verschiedenen Leuten bei zahlreichen lokalgeschichtlichen Veröffentlichungen der folgenden Jahrzehnte fleißig aus den Publikationen von U. Wille abgeschrieben, was Textvergleiche zeigen.

Weitere bekannte Aufsätze von ihm sind:

  • "Wer weiß, wo Malchow liegt?" (Berliner Zeitung 24.12.1954)
  • "Charlottenburg des Ostens" (Besuch in Friedrichsfelde) (Jan. 1955)
  • "Der 20. Februar 1813 am Königstor in Berlin" (Februar 1956)
  • "Wie Wilmersdorf 1856 aussah" (1956)
  • "Europas heimlicher Feldherr. Zum 125. Todestage Neidhardt von Gneisenaus" (24.8.1956)
  • "Wiedersehen mit der alten Penne" (Erinnerungen an ein Stück alten Berlins" (Juli 1958)
  • "Die Musik kommt – oder unvergessene Prügel. Eine Küstriner Jungenderinnerung." (Kreiskalender für den Kreis Königsberg/Neumark 1969)

Nicht nur heimatgeschichtliche Beiträge, auch Poesie entstammt seiner Feder, wie das folgende Gedicht belegt:

MÄRKISCHE HEIMAT

Wieder streif ich durch die Wälder,
durch die Wiesen querfeldein,
wieder schau’ ich deine Felder,
friedlich, schön im Abendschein.
Wieder schreit’ ich deine Wege,
Heimat, ewig liebe, du,
fromm zusammen ich die Hände lege,
und ich find’ bei dir die Ruh.
Um die Stirne zauset wieder
Lächelnd, spielend mir der Wind,
und ich singe deine Lieder
froh und heiter wie als Kind.
Nur in deiner trauten Nähe
find’t die Seele ihre Ruh’,
wenn ich deine Wege gehe,
Heimat, ewig liebe, du.

1958 war Ulrich Wille nach Ulm verzogen. Hier fand er zunächst Anstellung bei einer Spedition. Zuletzt war er bei der Bundeswehr in einem Versorgungsdepot in St. Augustin bei Bonn beschäftigt. In diesem Ort ist er am 4. Oktober 1987 verstorben.

In einer im April 1972 für seine Kinder privat erstellten gebundenen Sammlung seiner Essays zur Heimatgeschichte schreibt er im Vorwort: "Diese Darlegungen aus der Geschichte einer alten märkischen Stadt entstanden einmal aus der Freude und dem Interesse am Historischen, zum zweiten sollten sie den mit stark tendenziöser Politik überfütterten Lesern einen gewissen Ausgleich und etwas Freude in den grauen Alltag bringen und drittens besonders der jungen Generation Sinn und Bedeutung der Heimatgeschichte erläutern. Daß das unter den politischen Verhältnissen und Gegebenheiten der 'DDR' nicht immer ein leichtes Unterfangen war und daß manche Passagen in den Abhandlungen mit äußerster Vorsicht formuliert werden mußten, wird der kritische Leser sicher verstehen… Diese Essays aus der Heimatgeschichte der alten märkischen Stadt Jüterbog sollten in der schweren Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg mit dazu beitragen, den Gedanken an die märkische Heimat und die Liebe zu ihr wachzuhalten."